Mythencheck

Schaum beim Reinigen: Warum die Schaumhöhe wenig über Sauberkeit sagt

MythencheckStudie / NormAktualisiert 22.10.20265 Min. Lesezeit
Kurz gesagt

Viel Schaum ist kein Messwert für entfernten Schmutz. Studien an ölverschmutztem Glas zeigen, warum auch zerfallende Blasen zur Reinigung beitragen können und weshalb sich diese Befunde nicht pauschal auf Alltagsreiniger übertragen lassen.

Belegstufe: Studie / Norm. Belegt durch veröffentlichte Studien, Normen oder Behördenangaben. So arbeiten wir

Im Eimer steht eine dicke Schaumkrone, auf der Fläche bleibt der Fettfilm. Ist wenigstens genug Reiniger drin? Aus der Schaumhöhe lässt sich diese Frage nicht beantworten. Du siehst zunächst, wie sich Gas und Flüssigkeit unter den gerade herrschenden Bedingungen als Schaum verhalten. Ob die Mischung den vorhandenen Schmutz entfernt, ist eine andere Messaufgabe. Forschung zur Schaumreinigung zeigt sogar, dass besonders lange haltbare Blasen nicht automatisch das bessere Ergebnis liefern. [1, 2]

Die Schaumkrone zeigt nur einen Teil des Vorgangs

Bei flüssigem Schaum sind Gasblasen durch Flüssigkeit voneinander getrennt. Diese Flüssigkeit kann nach unten ablaufen. Fachleute nennen das Drainage. Gleichzeitig können Blasen zerfallen. Die Schaumhöhe allein verrät deshalb nicht, wie viel Flüssigkeit noch im Schaum steckt. Zwei Beobachtungen gehören zusammen: Wie verändert sich der Schaum, und was geschieht mit seiner Flüssigkeit? [1]

Ein vom Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung beschriebenes Messverfahren macht diese Trennung deutlich. Es erzeugt Schaum mit festgelegten Gas- und Flüssigkeitsmengen und verfolgt anschließend sowohl die Höhe als auch die ablaufende Flüssigkeit über die Zeit. Flüssigkeit kann bereits abfließen, während die Schaumhöhe zunächst weitgehend bestehen bleibt. [1]

Für einen Vergleich bedeutet das: „Direkt nach dem Schütteln viel Schaum“ und „nach einiger Zeit noch viel Schaum“ sind nicht dieselbe Aussage. Und selbst ein sauber dokumentierter Schaumvergleich wäre noch kein Nachweis für entfernten Schmutz. Dafür müsste zusätzlich die verschmutzte Oberfläche untersucht werden.

Wenn zerfallende Blasen beim Reinigen helfen

Eine Forschungsgruppe um Tamara Schad untersuchte 2021 mit fluoreszierendem Öl verschmutzte Glasflächen. Darauf kamen Schäume mit unterschiedlichen Flüssigkeitsanteilen und unterschiedlicher Stabilität bei vergleichbar kleinen Blasen. Die Stabilität wurde durch einen Zusatz zur Gasphase verändert. [2]

Die weniger stabilen Schäume reinigten hier besser. Die Gruppe unterschied drei Mechanismen: das Aufsaugen von Flüssigkeit in den Schaum, den Flüssigkeitsablauf und eine Wischbewegung durch die sich verschiebende Kontaktlinie zwischen Öl, Schaum und Glas. Bewegung und Zerfall konnten also an der Reinigung beteiligt sein. [2]

Damit ist langlebiger Schaum als allgemeines Gütezeichen widerlegt. Eine Rangliste handelsüblicher Reiniger ergibt sich daraus nicht: Schaumaufbau, Öl und Glas begrenzen den Befund. Der Versuch liefert weder eine Dosierung für deinen Eimer noch eine Materialfreigabe.

Die Folgearbeit von 2022 ergänzte die Modellverschmutzung um Ruß. Wieder dienten Glasflächen als Untergrund. Das Öl konnte Rußpartikel mitnehmen; bei zu engen Flüssigkeitskanälen im Schaum wurde der Transport der Partikel allerdings behindert und die Rußentfernung weniger effizient. Damit kam eine weitere Frage hinzu: Passt die Struktur des Schaums zu dem Schmutz, der abtransportiert werden soll? [3]

Die beiden Arbeiten stammen aus demselben Forschungszusammenhang. Sie sind keine voneinander unabhängigen Bestätigungen für sämtliche Reinigungsaufgaben. Der Vergleich ist trotzdem aufschlussreich: Schon der Wechsel von Öl zu einem Gemisch aus Öl und festen Teilchen verändert die Anforderungen. Eine einzige sichtbare Eigenschaft wie die Schaumhöhe kann diese Unterschiede nicht abbilden.

Gezielter Reinigungsschaum braucht einen passenden Einsatz

Hinter diesen Untersuchungen steht auch die Frage, wie empfindliche Kunst- und Kulturgüter gereinigt werden können. Die Universität Stuttgart beschreibt dafür ein Projekt zur Entwicklung angepasster Schäume. Die Schwierigkeit: Historische Oberflächen brauchen jeweils ein geeignetes Reinigungskonzept, statt einer gemeinsamen Standardbehandlung. [4]

Das erklärt, weshalb solche Forschungsarbeiten genauer hinsehen als ein Schütteltest in der Flasche. Gefragt ist ein bestimmtes Verfahren für eine bestimmte Oberfläche. Ein Projektziel ist dabei noch keine Freigabe für die Behandlung eines Möbelstücks, einer Natursteinfläche oder eines alten Anstrichs. Unsere praktische Folgerung: Wer eine Schaumreinigung auswählt, sollte nach dem vorgesehenen Material und Verfahren fragen, nicht nach der möglichst eindrucksvollen Schaumdecke.

Beim normalen Ansetzen einer Reinigungslösung bleibt die vorgegebene Dosierung maßgeblich. Die DGUV-Regel zur Gebäudereinigung fordert, Überdosierungen zu vermeiden, und empfiehlt Dosiersysteme. Sie rät außerdem zum Ansetzen mit kaltem Wasser und dazu, das Mittel dem Wasser zuzugeben. [5] Wenig sichtbarer Schaum ist deshalb kein sinnvoller Anlass, ohne weitere Prüfung Konzentrat nachzugießen. Auch das Zusammenmischen verschiedener Mittel ist keine Lösung für eine enttäuschende Schaumkrone. Mische Reinigungsmittel nicht miteinander. Die DGUV warnt ausdrücklich auch beim Entsorgen von Restmengen vor dem Mischen. [5]

Wenn du das nächste Mal vor dem Eimer stehst, trenne die Beobachtungen: Ist die Mischung nach Anleitung angesetzt? Bleibt nach dem vorgesehenen Reinigungsvorgang tatsächlich Schmutz zurück? Oder fehlt lediglich die erwartete Schaumkrone? Nur die zweite Frage beschreibt ein unzureichendes Reinigungsergebnis. Notiere in diesem Fall Material, Verschmutzung und Vorgehen. Die Höhe der Blasen ersetzt keine dieser Angaben. Als Rückmeldung an einen technischen Ansprechpartner ist „nach der vorgeschriebenen Anwendung bleibt dieser Belag“ wesentlich brauchbarer als „das Mittel schäumt kaum“. Dazu brauchst du keine selbst gebaute Schaumskala und keinen Vergleich durch immer heftigeres Schütteln, sondern eine präzise Beschreibung der eigentlichen Aufgabe.

Quellen

  1. Max-Planck-Gesellschaft: Patent-Verfahren zur Charakterisierung von Schäumen, 02.04.2004. Beschreibung des Messverfahrens.
  2. Schad, T. et al.: Less is more: Unstable foams clean better than stable foams. Journal of Colloid and Interface Science 590 (2021), 311–320. DOI: 10.1016/j.jcis.2021.01.048. Originalabstract und bibliografische Angaben.
  3. Schad, T.; Preisig, N.; Drenckhan, W.; Stubenrauch, C.: Foam-based cleaning of surfaces contaminated with mixtures of oil and soot. Journal of Surfactants and Detergents 25 (2022), 377–385. DOI: 10.1002/jsde.12580. Originalveröffentlichung.
  4. Universität Stuttgart, Institut für Physikalische Chemie: Des Königs neue Schäume. Innovatives Reinigungskonzept für Kunst- und Kulturgut, ohne Datumsangabe. Projektbeschreibung.
  5. DGUV: Regel 101-605, Branche Gebäudereinigung, Februar 2020, Abschnitt 3.1.2, S. 19. Fachregel als PDF.

Stand der Recherche: 22.10.2026. Das angezeigte Beitragsdatum ist ein redaktionelles Archivdatum. Dieser Text wurde im Oktober 2026 erstellt und veröffentlicht.

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