Doppelt dosiert, doppelt sauber? Was mehr Reiniger wirklich bringt
Ab einer bestimmten Tensidkonzentration, der CMC, sinkt die Oberflächenspannung kaum noch weiter. Mehr Reiniger kostet dann Geld und kann Rückstände hinterlassen, ohne mehr Schmutz zu lösen. Zeit, Temperatur und Mechanik lassen sich gegen die Chemie tauschen.
Belegstufe: Herleitung. Aus Formeln und Naturgesetzen berechnet, der Rechenweg steht im Text. So arbeiten wir
Die Annahme
Im Putzeimer gilt „doppelt hält besser“ als selbstverständlich: Hartnäckiger Schmutz bedeutet doppelt so viel Konzentrat. Dieser Artikel prüft, was Fachliteratur und Herstellerunterlagen dazu hergeben. Das Ergebnis vorweg: Ein Teil der Annahme stimmt, aber nur bis zu einer Grenze. Darüber kostet mehr Reiniger vor allem Geld.
Was die Physik sagt: die kritische Mizellbildungskonzentration
Tenside sammeln sich zuerst an der Oberfläche der Lösung und senken dort die Oberflächenspannung. Ist die Oberfläche voll besetzt, lagern sich weitere Tensidmoleküle zu Mizellen zusammen. Diese Schwelle heißt kritische Mizellbildungskonzentration, kurz CMC. Oberhalb davon ändert sich die Oberflächenspannung kaum noch. Krüss, ein Hersteller von Messgeräten für Grenzflächen, beschreibt die CMC deshalb als Grenzkonzentration, ab der mehr Tensid in vielen Prozessen keinen Nutzen mehr bringt [1][2].
Das gilt für die Benetzung. Mizellen können zusätzlich Öl und Fett aufnehmen, deshalb steigt die Reinigungsleistung bei Fettschmutz auch oberhalb der CMC noch eine Weile mit der Tensidmenge. In einer Abschlussarbeit der Chulalongkorn University zur Reinigung mit Mikroemulsionen stieg die Leistung mit der Konzentration und erreichte dann ein Plateau [3]. Das war ein Modellsystem, die Werte lassen sich nicht auf einen Alltagsreiniger übertragen. Die Richtung schon: Es gibt einen Bereich, in dem mehr hilft, und einen, in dem nichts mehr dazukommt.
Chemie ist nur einer von vier Faktoren
Das Reinigungsergebnis hängt nach dem Sinnerschen Kreis von vier Faktoren ab: Chemie, Mechanik, Temperatur und Zeit. Benannt ist er nach dem Chemiker Herbert Sinner [4]. Die Faktoren lassen sich gegeneinander tauschen. Miele Professional nennt als Beispiel, dass sich eine niedrigere Temperatur durch längere Einwirkzeit ausgleichen lässt [4]. Kärcher beschreibt den gleichen Zusammenhang für die Hausreinigung: Wer länger einwirken lässt oder heißer arbeitet, braucht weniger Mechanik und weniger Reinigungsmittel [5].
Für dich heißt das: Wenn ein Schmutz nicht weggeht, ist die Dosierung selten der erste Hebel. Mehr Einwirkzeit, warmes Wasser oder eine Bürste kosten nichts und belasten weder Material noch Abwasser.
Was bei Überdosierung passiert
Kosten
Das lässt sich nachrechnen (Rechenbeispiel mit angenommener Dosierung): Ein Liter Konzentrat ergibt bei 5 % Dosierung 20 Liter Gebrauchslösung (1 l geteilt durch 0,05). Bei 10 % sind es nur noch 10 Liter (1 l geteilt durch 0,10). Doppelte Dosierung heißt halbe Reichweite, ohne dass der Schmutz in gleichem Maß verschwindet.
Rückstände und Gesundheit
Unilever Professional schreibt in einem Branchenbeitrag, dass das Überschreiten der empfohlenen Konzentration die Wirkung mindern, Oberflächen schädigen und Rückstände hinterlassen kann, die weiteren Schmutz anziehen. Dazu kommen Reizungen von Haut und Atemwegen [6]. Das ist eine Herstellerangabe, die wir nicht selbst geprüft haben. Miele Professional beschreibt für gewerbliche Spülsysteme, dass Rückstände des Reinigungsmittels auf Geschirr und Besteck Zeit und Kosten verursachen und auf Dosierfehler hindeuten [7].
Material und Abwasser
Das folgt aus der Chemie, ist aber unsere Einordnung und keine zitierte Messung: Bei Säuren und Laugen greift eine konzentriertere Lösung Oberflächen stärker an. Zudem gelangt mehr Wirkstoff ins Abwasser. Bei stark emulgierenden Reinigern kann das den Ölabscheider belasten.
Auch zu wenig ist ein Fehler
Zu niedrige Dosierung lässt Schmutz zurück. Der muss dann mit mehr Mechanik oder einem zweiten Durchgang entfernt werden, was Zeit und Kosten erhöht [7]. Das Ziel ist also keine möglichst niedrige, sondern die passende Dosierung.
Praxisregeln
- Dosierung vom Etikett oder von der Produktseite nehmen. Mengen für jeden Behälter rechnest du mit dem Verdünnungsrechner aus.
- Bei schwerem Schmutz zuerst Einwirkzeit, Temperatur und Mechanik erhöhen. Die Dosierung nur innerhalb der Spanne anheben, die der Hersteller nennt.
- Neue Oberflächen erst an unauffälliger Stelle testen.
- Eine Dosierhilfe (Messbecher, Dosierpumpe) nutzen statt Augenmaß.
Quellen
- Krüss: Critical micelle concentration (CMC) and surfactant concentration. kruss-scientific.com
- IUPAC Gold Book: critical micelle concentration. goldbook.iupac.org
- Pakhawadee, Kapitel 4 einer Abschlussarbeit (Chulalongkorn University) zu Mikroemulsion und Reinigungsleistung. cuir.car.chula.ac.th
- Miele Professional: Whitepaper „Der Sinnersche Kreis: So läuft es hygienisch rund“ (2023). media.miele.com
- Kärcher: Der Sinnersche Kreis. kaercher.com
- Unilever Professional: More soap, less clean – The surprising truth about dilution (Branchenbeitrag). expression.africa
- Miele Professional: Whitepaper „Automatische Dosierung“ (2023). media.miele.com
Stand der Recherche: Oktober 2026.
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